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“Hat das Vaterland noch Raum für seine arbeitslustigen Kinder?” Bleick Jens Eschels 1850
Wer auf Sylt wohnen will, sollte dafür schon einen triftigen Grund haben. Eigentlich gibt es nur eine Begründung: Ich
kann es mir leisten, auf Sylt zu wohnen.
Wer auf Sylt eine Mietwohnung sucht, muss sich die Frage gefallen lassen: “Ist es notwendig, dass Sie auf Sylt
wohnen?” Die Antwort, “Ich bin hier geboren, aufgewachsen, und arbeite seit vielen Jahren hier”, ist natürlich nicht ausreichend. Ich würde daher als Antwort vorschlagen:
“Sylts Existenzkampf im globalen Wettbewerb macht meine ständige Anwesenheit auf der Insel dringend erforderlich”. Diese Antwort ist zwar auch nicht ausreichend, hört sich aber
gut an. Auch wer z.B. um fünf Uhr morgens mit der Arbeit beginnen muss, sollte sich nicht einbilden, dass das als Grund reicht, nur weil so früh noch kein Zug nach Sylt fährt. Immer mehr
Sylter verlassen die Insel, arbeiten zwar noch hier, wohnen aber auf dem Festland. So kommt es zu einem schleichenden Austausch der Sylter Bevölkerung. Die steigende Nachfrage nach
Wohnraum, lässt aber auch auf dem Festland inzwischen die Mieten steigen.
Im März 2007 wurde eine Studie zur Altersstruktur der Sylter Bevölkerung veröffentlicht. Dabei kam heraus, dass die
Sylter Bevölkerung stark überaltert ist. Als Grund dafür wurde genannt, dass viele Ruheständler Sylt als Alterssitz wählen. Nicht erwähnt wurde, dass gerade viele junge Familien die Insel
verlassen, weil sie sich das Wohnen hier nicht mehr leisten können. Der Abzug der Bundeswehr hat diesen Trend noch verstärkt. Die Zahl der Schulkinder nimmt so stark ab, dass die Grundschulen
in Keitum und List 2007 geschlossen wurden und weitere Schulschließungen zu erwarten sind.
Viele Rentner, die ihr Arbeitsleben hier auf Sylt verbracht haben, bleiben auf der Insel. Solch ein verstockter Alter
ist auch der 81 Jahre alte frühere Keitumer Schulleiter Horst Retzlaff. Er bekam im Oktober 2006 von der Gemeinde Sylt-Ost die Kündigung seiner Wohnung in Keitum zum 31.03.07, wegen
Eigenbedarf. Die Empörung unter den Syltern war groß und der alte Herr wurde ermuntert, sich der Kündigung zu widersetzen. In der Lokalpresse wurde die Vermutung geäußert, die Gemeinde
Sylt-Ost brauche Geld für den Bau der neuen Therme in Keitum und wolle deshalb das Haus verkaufen. Das ist natürlich nur ein Gerücht. Ostern 2007 wurde bekannt, dass die Kündigung aus
sozialen Gründen zurückgenommen wurde, obwohl der “Eigenbedarf” weiterhin besteht.
Die Experten der Gemeinde Sylt-Ost bewiesen allerdings schon viel Einfallsreichtum beim Entmieten. So versuchte man im
Sommer 2006 Asylbewerber zum Verlassen ihrer Wohncontainer auf dem Flugplatzgelände zu veranlassen, indem man ihnen kurzerhand die Strom- und Wasserversorgung abstellte.
Die Stadt Westerland ist über ihren Eigenbetrieb KLM (Kommunales Liegenschafts Management) schon seit vielen Jahren
bemüht, auch durch Neubauten Wohnraum für Sylter zur Verfügung zu stellen. Zudem kaufte man 244 der ca. 680 Wohnungen vom Bund, die per Erbpacht den Mietern zum Kauf angeboten werden. Bei den
Fusionsverhandlungen der Sylter Kommunen zeigte sich nun allerdings, dass dieses Engagement einzelnen Vertretern anderer Gemeinden wegen des finanziellen Risikos ein Dorn im Auge ist. Beim
Verkauf der übrigen Bundesmietwohnungen scheint sich auch die Vermutung zu bestätigen, dass viele der Objekte künftig als Ferienwohnungen genutzt werden. Zudem standen einige Objekte
jahrelang leer. Auch über die von der KLM gekauften Wohnungen wurde in der Lokalpresse berichtet, dass wohl zwei Objekte inzwischen als Ferienwohnungen genutzt werde.
In Wenningstedt und in Morsum wurden durch die Hemshorn Stiftung 78 Wohnungen für Sylter Familien gebaut. Die Eheleute Lothar und Ingrid Hemshorn haben einen Teil ihres Stiftungsvermögens (Zweck der Stiftung ist die Förderung begabter Kinder aus sozial schwachen Familien) in Mietwohnungen auf Sylt angelegt. In Morsum gab es aus Gründen des “Umweltschutzes” aber Widerstand von Nachbarn gegen den Bau der Wohnungen, die auch versuchten, den Bau auf dem Klageweg zu verhindern. Wer sich auf Sylt ein teures Anwesen leistet, kann natürlich keine “Arbeitersiedlung” in seiner Nachbar- schaft dulden.
Eher kurios ist, was im Oktober in der Sylter Rundschau berichtet wurde. Ein Vermieter in Westerland schreibt seinen
Mietern vor, dass statt Vorhängen nur weiße Rollos verwendet werden dürfen. Bei Nichtbeachtung droht die fristlose Kündigung der Wohnung.
Dem Neubau von Mietwohnungen steht ein ständiger Verlust von Wohnraum durch Umwandlung in Ferienwohnungen gegenüber.
Zwischen Steinmann- und Bomhoffstraße wurde 2003 das letzte der alten Gästehäuser abgerissen und dort zwei Häuser mit Ferienwohnungen gebaut. Auf dem Nachbargrundstück befinden sich sechs
Mietshäuser. Nun wurde bekannt, dass der Abriss vier dieser Häuser geplant ist und auch dort Ferienwohnungen gebaut werden sollen. Die Mieter hoffen über das Mietrecht ihre Wohnungen zu
erhalten. Die zwischen den Häusern gelegene Grünfläche, wo bisher Kinder spielten, wurde bereits einer “sinnvollen” Nutzung zugeführt. Hier entstanden Parkplätze für Feriengäste.
Auch in List erhielten langjährige Mieter in der Möwenbergstraße die Kündigung. Der Abriss der Häuser begann Ende 2007, obwohl die Häuser teilwiese noch bewohnt sind. Auch
hier werden Eigentumswohnungen gebaut.
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